In Stein gemeisselt

Ich weiss noch genau, wann und wie der Moment war, als ich mein erstes steinernes Herz gefunden habe. Heute glaube ich, dass es kein Zufall war. Gibt es überhaupt Zufälle, oder hat nicht irgendwie alles einen Grund?

Nun, es war ein schöner Herbsttag im September. Im Herbst 2012. Da liefen wir also, meine Kinder, mein Mami und ich. Von der Sunnegga her kommend Richtung Tufternalp. Seid ihr da schon einmal entlang gelaufen? Es ist ein flacher Weg, der inmitten der Lärchen und Föhren parallel zum Hang verläuft. Knorrige Bäume, wunderschöne Verfärbungen von Grün über Gelb zu Braun und Grau der vielen Findlinge, die da einfach so liegen, als hätte ein Riese sie da hingebracht. Oder der Himmel sie ausgespuckt. Die Kinder wie immer auf den ersten Metern furchtbar quengelig. Wie weit ist es noch. Warum müssen wir hier laufen. Wie immer eine grosse Portion an Zuversicht und Mut eingepackt, sie zu motivieren. Meistens dauert es ja nicht lange. Da laufen wir also, Sohnemann ermahnend, nicht zuviel Staub aufzuwirbeln – es liegt unglaublich viel feiner Sand am Boden, von den Steinen, zermalmt, in Jahrzehnten – und da entdecke ich es plötzlich. Einfach so am Boden liegend. Ein Herz aus Stein. Und es glitzert auch noch so schön.

Ich muss kurz den Schauplatz wechseln. Ich war frisch verliebt. Ich wusste nicht, dass man sich mit 40 nocheinmal verlieben kann. Nicht so. So unglaublich heftig. Dass man sich überhaupt nocheinmal verlieben kann, nachdem man nicht einmal mehr wusste, wer man war. Nach Jahren ohne partnerschaftliche Liebe, nach Phasen des tiefsten zwischenmenschlichen Abgrunds. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder vertrauen kann. In mich selbst am allerwenigsten. Und dann in einen Menschen, in einen Mann. Und dass sich überhaupt ein Mann in mich verlieben kann. In eine Frau mit kleinen Kindern. Und 40 Jahre alt.

Das Leben hat es also unglaublich gut mit mir gemeint und ich durfte mich mit Pauken und Trompeten und einfach allem nocheinmal in einen Mann verlieben. Da gehen wir also, und dann liegt es einfach so da, dieses Herz aus Stein, das so wunderbar in meine Hand gepasst hat. Verliebt und auf Wolke 7 nehme ich es an mich und bin natürlich total verzückt. Und gerade noch mehr verliebt. Und so glücklich in diesem Moment. Und wir gehen weiter, die Kinder natürlich auch glücklich, wenn ihr Mami glücklich ist. Und mein Mami glücklich weil ihre Tochter glücklich ist. Und ich mache ein Foto. Und schicke es meinem Angebetenen. Und er ist auch verzückt.

Und es wird nicht das Letzte sein. Ich sammle fortan laufend Herzen. Manchmal stolpere ich über ein grosses Herz aus Stein am Boden. Manchmal ist es nur ein kleiner Augenblick, Steine und Blätter am Boden, die in einem kurzen Moment im richtigen Winkel liegen und ein Herz formen. Schaum in der Kaffeetasse. Ein Kartoffel-Schnipsel beim Schälen. Eine Wolke am Himmel.

Heute weiss ich, dass ich das Herz nicht gefunden habe. Es hat mich gefunden. Ich habe wieder zu mir selbst zurückgefunden.Durfte wieder lieben und geliebt werden.

Das Herz musste mich finden, um mir zu sagen, dass alles gut ist.

PS. Der Ort, an dem ich es gefunden habe, ist auch kein Zufall. Dazu in einem weiteren Beitrag mehr.

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